Samstag, 21. Februar 2015

Endzeitgefühle

Trotz aller Schwierigkeiten, die ich in den Monaten zuvor hatte, gestalteten sich die letzten Tage in Nagaon doch erstaunlich schwer und die Abschiedswehmut war groß. Etwas besänftigt durch die Aussicht die Christ Jyoti School bald verlassen zu können, gelang es mir in den letzten Wochen mich doch etwas besser auf die Situation einzulassen. Ich verbrachte viel Zeit auf dem Dach in der Sonne mit Lesen, schlief viel, belagerte die Köchinnen bei ihrer Arbeit und beobachtete stundenlang einfach nur die Bauarbeiten auf dem Schulgelände. Es war kolossal spannend, wie die bestimmt teilweise erst 15-, 16-jährigen Arbeiter mit Flipflops an den Füßen und verschiedenstem, oft eher improvisiert wirkendem Werkzeug und bloßer Körperkraft nach nicht ganz nachvollziehbarem System ganze Gebäude einrissen. Zwischendurch brach mal ein Arbeiter durch den Fußboden, da das Haus an dieser Stelle schon ziemlich porös war und stürzte ein Stockwerk tiefer. Dann stand die gesamte Arbeiterschaft ungefähr fünf Minuten, aufgebracht schnatternd um ihn herum, er stand wieder auf und die Arbeit ging weiter. Vorteil der geringeren Sicherheitsmaßnahmen in Indien, dass die Baustellen nicht wie bei uns vollständig abgesperrt sind und ich die Arbeiten daher von ganz Nahem sehen konnte. Mit dieser Gelassenheit, die sich in mir in den letzten Wochen entwickelte, hätte ich es in Nagaon bestimmt doch auch länger aushalten können. Jedoch war es für mich nicht das Ziel dieses Jahres mich für den Großteil des Tages allein mit einem Buch auf ein Dach zurückzuziehen. Es ging darum Menschen zu begegnen und eine Aufgabe zu haben. Daher war es die richtige Entscheidung nach sieben Monaten zu gehen, auch wenn mir der Abschied nun schwer fällt. Zudem grenzt der Umgang mit christlichen, daher doch meiner Erwartung nach eigentlich menschenfreundlichen Fathers an das Ertragbare. Eine meiner letzten Erinnerungen an ein gemeinsames Frühstück: Um das Schweigen zu unterbrechen und ein wenig Smalltalk zu führen spricht Lisa einen der Fathers auf seinen neuen Blazer an, da sie diese bis jetzt nur an den Lehrern als neue formale Schulkleidung gesehen hatte („Oooh, you also have one of those blazers?“). Darauf antwortet dieser mit der Aussage: „Of cause. What do you think? I am the administrator of this school. Why do you always talk such rubbish?“ Charmant. Eine Aktion von vielen, die dazu führen, dass man nur noch den Kopf einzieht, wenn man einem der Fathers begegnet und den Mund gar nicht mehr öffnet. Es gibt natürlich auch Ausnahmen, aber das Gesamtgefühl ist dieses. Da sich auch die Brothers, die noch im Studium befindlichen Priester, die ich bei uns im Haus erlebt habe am Esstisch so devot schweigend verhalten, vermute ich fast, dass sich im Verlaufe ihrer Ausbildung eine derartige Frustration aufstaut und so viel heruntergeschluckt werden musste, dass sie dies später in ihrer als Fathers endlich erlangen Machtposition mit solcher verbaler Aggressivität irgendwie kompensieren müssen. Meinem Bild vom Katholizismus hat das Leben an dieser Schule nicht besonders gut getan. Das Wort, das mir konsequent im Kopf herumgeisterte war „Scheinheiligkeit“. Wenn nach außen hin ein Leben in Armut angepriesen wird und dann im Gemeinschaftsraum die Sahnetorten stehen, Dinge, die in der Öffentlichkeit verboten, plötzlich im Hinterzimmer ganz legitim sind (sich die Kante geben zum Beispiel) und der offiziell gerade im Gebet versunkene Fathers gerade auf dem Sofa liegt und ein Nickerchen macht ,hat das mit Integrität nicht viel zu tun. Die Schwestern sind da meines Erachtens konsequenter. Ich glaube ich muss bei meinen Erfahrungen in Indien ganz massiv trennen zwischen dem, was ich mit der Ordensgemeinschaft bzw. meiner unergiebigen Arbeit in der Schule erfahren habe und den anderen zahlreichen Erfahrungen und Bekanntschaften, die ich gemacht habe und die ich unwahrscheinlich vermissen werde. Erst zum Abschied wird einem klar, wie sehr man sich doch schon an das neue Leben in Indien gewöhnt hat. Besonders der Abschied zu Lolita und Estrilla unseren beiden Köchinnen war sehr schwer. Nachdem Johanna das Projekt verlassen hatte, war ihre Küche eine Art Zufluchtsort, in der ich, wenn ich mich einsam fühlte getröstet, bei Langeweile mit Knoblauch Schälen beschäftigt wurde oder wo ich einfach nur den beiden bei der Arbeit zusah, mit ihnen rumwitzelte und über die Fathers lästerte. Ich habe unglaublich Respekt vor den beiden, denn die Arbeit bei den Fathers bietet ihnen zwar große Vorteile - Sicherheit und Platz an der Privatschule für die Töchter. Jedoch arbeiten beide sieben Tage die Woche von 05-12 und 15-19Uhr und hören kaum mal ein freundliches Wort, sondern immer nur, ob das Essen gerade zu viel oder zu wenig war. (Was man mal kalkulieren soll, wenn die Fathers immer unangekündigt Gäste einladen.) Der andere schwere Abschied war von der Familie Thomas, die in den nahe gelegenen Colonies wohnt und die so etwas wie meine Ersatzfamilie geworden sind. Die Familienstruktur mit den drei Töchtern, entspricht exakt meiner eigenen und ich wurde dort so herzlich aufgenommen, dass ich mich wie bei Mutti und Schwestern gefühlt habe. J Kleine Kabbeleien eingeschlossen.
Nachdem nun die fürchterlichen Abschiede hinter mich gebracht sind, beginnt nun vorerst der letzte Teil meiner Indien-Erfahrungen und ich Reise für drei Wochen mit meinem Freund. Wir haben uns für eine der touristischsten Routen entschieden und treffen uns in Delhi. Von dort starten wir dann mit einem kleinen Schlenker nach McLeod Ganj in Himachal Pradesh, dem am Himalaya gelegenen Zufluchtsort der Exiltibeter und des Dalai Lama. Dann fahren wir zurück Richtung Süden nach Agra, besuchen Jaipur, Pushkar und Jodhpur im wüstigen Rajastan, gefolgt von Mumbai. Ausklingen und als Übergang ins westliche Deutschland vielleicht gar nicht schlecht lassen wir unsere Reise dann entspannt im wohl touristischsten Ort Indiens ausklingen: Goa. Ich freue mich schon sehr.

Dienstag, 10. Februar 2015

Reisezeit - Kolkata

Da Fabian seinen Reisepass wirklich noch in letzter Minute von den Behörden in Delhi zurückerhalten hatte, konnten wir zu guter Letzt am 16.12.14 doch noch gemeinsam unsere Reise nach Kolkata starten. Zu Beginn schien erst einmal alles schief zu laufen. Fabians Rückflug wurde von Spicejet gecancelt und musste umgebucht werden, sodass er Kolkata einen Tag früher verlassen würde. Als wir am Flughafen in Guwahati eintrafen stand dann bereits eine aufgebracht schreiende Menschenmenge vor dem Spicejet-Schalter, da ein Flug nach Delhi vollständig gecancelt wurde, nachdem er bereits mehrere Tage Stück für Stück nach hinten verschoben wurde. Auch unser Flug wurde dann als verspätet angekündigt. Nervig, wenn man eh deutlich vor der Zeit am Flughafen ist (Die Erfahrung zeigt: Für alle Eventualitäten ist es in Indien immer besser einen üppigen Zeitpuffer einzuplanen.). Immer wieder wurde der Grad der Verspätung vergrößert und es hing die große Ungewissheit im Raum, ob der Flug überhaupt starten würde. Gott sei Dank konnten wir uns die Wartezeit mit zwei netten Fathers aus Shillong vertreiben, von denen der eine –wie so viele – eine Zeit lang in Deutschland studiert hatte, über großes historisches Wissen verfügte und mir viel über die Geschichte Indiens erzählen konnte. Nachdem der Flug dann nach viel Trara und mit ca. 10 Stunden Verspätung Kolkata erreichte, standen wir dann vor einem neuen Problem: Wohin mit uns um drei Uhr morgens? Da uns der Sinn nicht danach stand noch mehr Zeit am Flughafen zu verbringen, fuhren wir trotz nachtschlafender Zeit einfach in die Sudder Street zum Afridi international Hotel, in dem wir reserviert hatten. Die Sudder Street stellte sich jedoch nicht als das freundliche und belebte Touristenzentrum dar (das es wie wir später herausfanden tagsüber ist), sondern als düstere Gasse, ohne Beleuchtung, in deren Ecken Leute unter Plastikplanen schliefen und Hunde den Müll durchwühlten. Erfolglos und ängstlich rüttelten wir  an den Türen unseres und mehrerer anderer Hotels, wo uns zwar überall jemand antwortete, die Leute jedoch hinter den vergitterten Türen verschanzt blieben und uns darauf verwiesen, morgen wieder zu kommen. So abgewiesen standen wir mit klopfendem Herzen  allein auf der zwielichtigen Straße bis uns ein beflissener Taxifahrer in sein Taxi und in das nächste geöffnete Hotel manövrierte. Das Zimmer dort wurde uns zwar zu einem völlig unverhältnismäßigen Preis angedreht, jedoch war ich nach dieser Erfahrung nur froh die Tür hinter mir abschließen zu können.
Am nächsten Morgen machten wir uns dann zu Fuß auf unser eigentliches Hotel zu beziehen. Bei Tag sah die Sudder Street dann völlig anders aus: touristischer Trubel, freundliche Händler und das Hotel war einfach super. Und damit begann der schöne Teil der Reise:
Wir besichtigten den Maidan, das Victoria Memorial und die St. Paul’s Cathedral. Am nächsten Tag wanderten wir die geschäftige Neruh road entlang in Richtung BBD Bagh – eines künstlichen Sees in der Stadt, umringt von schönen historischen Gebäuden -, über den Blumenmarkt und die Howrah Bridge – angeblich die verkehrsreichste Brücke der Welt – über die Mahatma Ghandi road zum Marble Palace und wieder zurück zum Hotel. Zwischendurch genossen wir das Straßenessen, Kolkatas berühmte Sweets und die umliegende Kolonialzeitarchitektur. Und immer wieder gab‘s natürlich Chai-Pausen. Ein bisschen indische Kultur steckt uns ja mittlerweile doch in den Knochen. J
Dann besuchten wir noch das Mother Theresa House, in dem sie ihre letzten Jahre gearbeitet hat und auch gestorben ist, den Weihnachtsmarkt in der Park Street, der bei uns aber wenig weihnachtliche Stimmung hervorrief und trafen uns mit Emmanuel, einem deutschen Studenten, der für ein Jahr in einem indischen Unternehmen arbeitet und den ich im Vorfeld unserer Reise bei facebook kennengelernt hatte. Es war sehr schön sich mit jemand anderem über die Erfahrungen in Indien und mit Freiwilligendiensten (er war in Afrika) austauschen zu können. Zudem hatte er immer wieder kleine Geheimtipps, vor allem bezüglich Bars, Cafés und Restaurants in denen wir sehr nette Abende verbrachten. Insgesamt war es unglaublich, wie sicher ich mich als weiße, junge Frau in Kolkata fühlen konnte. Ich konnte mich allein bewegen ohne mich verunsichert zu fühlen. Hier wurde mir der Unterschied zwischen einer weltoffeneren Großstadt und den ländlichen und krisengeschüttelten Assam erst so richtig bewusst.

Meinen letzten Tag verbrachte ich, da Fabian ja einen Tag früher fliegen musste, mit einer Tour über den New Market, einer alten Verkaufshalle die heute ein wahres Shoppingparadies ist, auch wenn man sich ununterbrochen gegen übergriffige „Shopping-Guides“ und Händler durchsetzen muss. Im dritten Shop nahm mich dann auch gleich eine überschwängliche, Ende vierzig-jährige Australierin unter ihre Fittiche und führte mich zu den „best shops“. Da ich eh keine Pläne für den Tag hatte nahm ich ihre Gesellschaft sehr gerne an und tourte mit ihr unter viel Gewusel durch den Markt. Am Abend traf ich mich dann noch ein letztes Mal mit Emmanuel, trank eine für mich grässliche heiße Schokolade, die gerichtet nach dem indischem Geschmack ungefähr zur Hälfte aus Zucker bestand und machte mich dann am Sonntag früh auf, um nach Kerala weiterzureisen. Der erste Abschnitt meiner vierwöchigen Reisezeit war schon mal ein voller Erfolg.

Chai-Pause


Howrah-Bridge 

 Mullik Ghat Flower Market

professionelles Ohrenputzen
Victoria Memorial


Sonntag, 14. Dezember 2014

Endlich Kaziranga

Der Kontakt, den wir Ende November durch unsere Übernachtung in der Salonah Mission zu den dortigen Fathers hergestellt hatten, zahlte sich Ende letzter Woche sofort in großartiger Weise aus. Schon bei unserem ersten Besuch machte uns Father Philip das Angebot, doch gerne erneut zu ihm nach Salonah zu kommen sodass er mit uns eventuell in den Kaziranga National Park fahren könne. Wir versuchten also eine Woche lang unser Möglichstes um diese Einladung zu realisieren: Wir bissen die Zähne zusammen und fragten den überarbeiteten und schlecht gelaunten Father Benny um Erlaubnis, auch wenn wir große Angst davor hatten ihn anzusprechen. Father Philip hängte sich ins Zeug und organisierte uns eine Rückfahrmöglichkeit und im wirklich letzten Moment gelang es uns dann noch eine Begleitung für die Hinfahrt zu finden. Die Fahrt führt über zahlreiche Dörfer, man muss mehrere Male umsteigen und die Fathers verbieten es uns ja grundsätzlich, uns allein mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewegen. Daher waren wir sehr froh, dass uns Silvester, der Leiter des Schuloffices erzählte, dass er aus Salonah stamme und seinen Sohn zu unserer Begleitung einfach auf „Heimbesuch“ schickte.
Als wir in der Mission ankamen hatten Johanna und Ich unseren ersten Euphorie-Schub. Die Menschen dort sind einfach so herzlich und erst durch den Abstand zu unserer Schule und den Fathers wurde uns deutlich, wie bedrückend und belastend die Situation dort ist und wie gut es tut dort rauszukommen. Wir kochten den Fathers zum Abendbrot „deutsche“ Apfelpfannkuchen (Die sie im Gegenzug zu unseren Fathers auch probierten. Und mochten!), saßen am Lagerfeuer und sangen zu zweit Weihnachtslieder, bis ein Father sich zu uns setzte und wir uns lange und intensiv über unser Leben, Deutschland und Indien unterhielten. Wenn man sich überlegt, dass mich die Fathers in Nagaon noch nicht einmal gefragt haben, wie viele Geschwister ich habe, war das eine schöne Differenzerfahrung.
Am nächsten Morgen klingelte dann um viertel vor vier unser Wecker. Wir schlüpften in unsere Wanderstiefel, drei Pullover-Schichten, Mütze und Schal und fuhren noch halb komatös mit Father Philip die 1,5 Stunden bis in den National Park. Dort befanden wir uns dann in der merkwürdigen Situation, das erste Mal Touristen und vor allem Weiße in Indien zu sehen. Nagaon ist provinziell. Dort begegnet man keinen Ausländern und daher konnte ich mich jetzt das erste Mal in die Situation der fasziniert, aber penetrant aufdringlich starrenden Inder versetzen. Zu dritt kletterten wir dann auf die Elefantendame Maruti und machten eine kurze (1Std) aber unglaublich schöne und beeindruckende Tour durch den Park. Wir ritten durch matschige Sumpfebenen, hohes vom Nebel feuchtes Savannengras und konnten zahlreiche Tiere – Reharten und Vögel z.B. Pelikane – sehen. Besonders beeindruckend waren die „One-horn Rhinos“ , für die der Park berühmt ist. Drei davon grasten in nur zehn Meter Entfernung und wir konnten den Körper eingehend betrachten, der fast Schilkröten- oder Dinosaurier-artig von einer Art Panzer umgeben ist. Skurrile Tiere. J

Anschließend fütterten wir noch die Babyelefanten mit Bananen, die sie uns ungestüm aus den Händen rissen und fuhren zurück in die Mission um übervoll an Eindrücken erst einmal ausgiebig zu frühstücken.







Im Teegarten der Salonah-Mission

Annekdoten aus Indien 3: Terminplanung

Möchte man nach deutscher Manier in Indien eine Veranstaltung planen, stößt man mit dem Versuch deutscher Planung - wie wir mittlerweile erfahren haben - schnell an seine Grenzen. Die Zahl der eintreffenden Gäste und auch Zeit ihres Eintreffens bzw. Abreisens ist schier unkalkulierbar. Da Johanna ab dem 10.Dezember für sieben Wochen auf Reisen geht und hinterher nur für eine Woche ins Projekt zurückkehrt bevor sie Indien verlässt, wollte sie am Sonntag eine kleine „Farewell-Party“ vor allem für die befreundeten Lehrer geben. Da wir hier ja eh nicht so mit Beschäftigung gesegnet sind, gaben wir uns große Mühe und bastelten Einladungskarten, überlegten uns deutsche Gerichte, die wir auf dem Büffet anbieten könnten (am Ende wurde es Baumkuchen) und ein paar Worte, die Johanna zum Abschied an alle richten wollte. Es war jedoch völlig unmöglich im Vorfeld herauszubekommen, wie viele von den ca. 25 eingeladenen Gästen tatsächlich kommen würden, da alle mit eindeutigen Aussagen ziemlich herumdrucksten. Wir bereiteten also Essen für 20 Personen vor um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Wir fuhren um halb zehn morgens zu Pinky Madam, in deren Tution-Center (ein seperater spartanischer, mit Bänken versehener Raum auf dem Dach ihres Nachbarhauses) die Party stattfinden sollte. Dort wollten wir dann gemeinsam das Basis-Menü vorbereiten, aber Miss Pinky war natürlich schon um sechs Uhr aufgestanden und hatte alles allein fertiggestellt. Zudem sollte nach Art eines deutschen Büffets um der lieben Vielfalt Willen jeder Gast noch eine Kleinigkeit beisteuern. Dies stieß auf sehr geteilte Meinung, sorgte zumindest aber für große Verwirrung. J Wir hübschten uns dann noch ein bisschen mit unseren frisch erworbenen Mekhela Chadors, den assametischen Sarees auf und warteten auf die Gäste. Und warteten, und warteten…

Eine Stunde nach verabredeter Zeit waren dann „tatsächlich schon“ zwei Gäste eingetroffen und Johanna wurde schon immer verzweifelter, ob es denn bei diesen zwei bleiben würde. Irgendwann kam dann aber doch noch ein Haufen aus sechs weiteren Personen angetrudelt. Nach all der Warterei entsprechend hungrig, ließ Johanna dann das geplante Spiel und die dankenden Worte ausfallen und ging direkt zum Buffet über. Ein Gast blieb nur für fünf Minuten, weil er wichtige Arbeiten zu erledigen habe.(Aber eine sehr nette Geste, dass er überhaupt gekommen ist.)  Die anderen verabschiedeten sich nach einer Stunde, nachdem gegessen und Millionen von Fotos geschossen wurden, da sie schnell wieder Klausuren korrigieren, Tanzklassen leiten oder Nachhilfe geben mussten. Und es blieb natürlich viel zu viel Essen über. (Nur der Baumkuchen war so ratzekahl leer gegessen, dass ich selbst kein Stück mehr ergattern konnte. Kein Wunder. Hier gibt es leider nur synthetische Zuckerschaum-Torten J ) Im Nachhinein fanden wir heraus, dass Johanna über diese Zahl an Gästen und den Erfolg ihrer Party sehr froh sein konnte. Bei den geplanten Geburtstagspartys von anderen Freiwilligen in Indien kam in zahlreichen Fällen kein einziger Gast. Terminplanung in Indien ist deutlich flexibler als man es in Deutschland kennt.




Montag, 8. Dezember 2014

Village-Life

Am letzten Donnerstag, den 27.11. konnten wir unserer Schulpflicht und der angespannten Situation mit den Fathers etwas entkommen, da eine Freundin aus der benachbarten christlichen Siedlung und ihre Schwester mich und Johanna einluden ihr Dorf zu besuchen. Diese Einladung wurde zwar etwas schamhaft ausgesprochen, mit der Warnung, dass ihre Familie sehr arm sei und uns nichts bieten könne, aber wir freuten uns wahnsinnig. Nachdem wir unter der Bedingung, dass wir im Convent der dortigen Schwestern übernachten und nicht im Haus der Familie gaben die Fathers nach einigem Knurren auch endlich ihre Erlaubnis. Die Reise begann mit einer Cycle-Rikscha-Fahrt nach Nagaon, dann stiegen wir in ein public car (so etwas wie Jeep-Busse, in denen mit etwas Quetschen erstaunlich viele Menschen Platz finden) und fuhren dann die letzte Strecke mit der Auto-Rikscha eines Freundes von Swapna. Dort wurde dann trotz angekündigter Armut für uns Gäste das volle Programm aus Tee, Kuchen und in Sirup getränkten Rasgulla aufgefahren. J Wir fuhren dann wieder in Swapnas Haus und gegen Mittag nach Hause. Unglaublich was für schöne Tage und welche Herzlichkeit uns diese arme Familie geschenkt hat.
Sweets (von uns "Ranz-Süßigkeiten" getauft), schmeckt leider fast alles NICHT!

Und hier begann Johannas Sternfrucht-Exzess

Johannas Jagd nach Sternfrüchten

Reisfelder hinter dem Haus

Waschplatz mit Gebirgswasser

Aussicht von den umliegenden Hügeln

Swapnas Mann beim Fischen im eigenen Teich

ein mittelgroßer Fisch

Bildunterschrift hinzufügen

Essen von Bananentellern - Einweg-Geschirr mal anders

Familienfoto
Die Gäste gut zu bewirten ist hier einfach eine Frage der Ehre. Dann wurden uns mit einer Mischung aus Scham und Stolz das Haus und das Gelände gezeigt. Swapnas Ehemann, den sie mit 14 nach eigener Aussage aus Liebe geheiratet hat, lebt dort und bewirtschaftet das wenige an Land, das er hat. Swapna lebt bei ihrer Mutter in der Stadt, da sie ihre Kinder dort zur Schule schicken will. Leider steht die Familie aus diesem Grund unter hohem Druck, da sie Schulden aufnehmen müssen um das Schulgeld zu zahlen, die sie in ihrer momentanen Situation niemals zurückzahlen können. Indien ist für mich gefühlt das fruchtbarste Land der Welt. Um das relativ spartanische Haus, in dem es nicht mal ein Bett gab, erstreckte sich ein Garten mit Mango-,Kokos-, Bananen-, Jack- und Sternfrucht-Bäumen, Auberginen- und Kürbis-Pflanzen etc. Da die Familie den Ertrag eines Sternfruchtbaumes allein gar nicht bewältigen kann, konnten Johanna und ich uns den Bauch voll schlagen und bekamen sogar eine riesige Tragetasche voll geschenkt. Hinter dem Garten besitzt die Familie ein paar Reisefelder und eine kleine Teeplantage, deren Blätter sie an die nah gelegene Fabrik verkauft. Außerdem hat Swapna für eine langfristig bessere Perspektive eine kleine Gummibaumplantage angelegt, die in ein paar Jahren Erträge liefern wird um die finanzielle Situation der Familie zu erleichtern. Wir besichtigten das ganze Gelände, fanden Elefanten-Fußabdrücke in den ausgetrockneten Reisfeldern und kletterten auf die nahen Hügel um die Aussicht zu genießen. Die Elefanten, wie sehr wir Europäer uns auch schon selbst über Fußabdrücke freuen, stellen eine enorme Belastung für die Landbevölkerung dar: Sie kommen in Herden aus den Bergen und fressen die Felder und Gärten leer und bringen die Menschen dadurch in Not. Dann gingen wir zu meiner Freude mit Swapnas Ehemann fischen. Zwar entschieden wir uns aus gesundheitlichen Gründen den Teich besser nicht zu betreten und nur zuzusehen, aber auch das war schon spannend. Das Wurfnetz förderte dann auch 5 winzige, 5 ca. 15 cm große und einen größeren Fisch zu tage, die wir anschließend zum Abendessen zubereiteten. Endlich einmal gemeinschaftliches Kochen, wenn auch nicht indisch sondern deutsch: Etwas elend wurde mir doch, als der Fisch nicht wenigstens zur Betäubung zu Beginn einen Schlag verpasst bekam oder schnell umgebracht wurde. Stattdessen wurden zuerst mit einem Messer die Schuppen abgeschabt, die Flossen abgeschnitten und dann erst der tötende Schnitt gesetzt. Das war für mich sehr hart. Aber ausnehmen wollte ich den Fisch dann unbedingt selber. Anschließend wurde Gemüse geschnibbelt und gekocht, Salat gemacht und der Fisch gefüllt und gekocht. Serviert wurde alles zu unserer Überraschung wie in Südindien üblich auf handgemachten Tellern aus den Stücken einer Bananenpalme. Dann fuhren wir schnell, da es schon dunkel wurde, in die benachbarte Salonah-Mission, wo wir von dem dortigen Parish Pries Father Philip sehr nett beherbergt wurden. Am nächsten Morgen gab es dann Foto-Session mit dem glatzköpfigen Father und er zeigte uns sein Gelände. Dort konnten wir auch eine Gummibaum-Plantage in Produktion sehen. Sehr spannend. So etwas kannte ich bis jetzt nur aus der Sendung mit der Maus.

Freitag, 7. November 2014

Alltagsfrust

Auf Anfrage und auch aus gegebenem Anlass möchte ich heute mal ein bisschen mehr auf meinen Alltag hier im Projekt und meine Arbeit eingehen.
Gegebener Anlass deshalb, da dieses Thema unseren Aufenthalt in Indien seit Beginn ein wenig madig macht und sich die Situation in den letzten Tagen noch zusätzlich verschärft hat. Deshalb denke ich im Moment wirklich sehr darüber nach, wie lange der Aufenthalt im Projekt sich für mich noch lohnt.
Zu Beginn unseres Aufenthalts wurden wir - wie ja schon beschrieben - in unterschiedliche Nursery-Klassen eingeteilt, in denen wir den Lehrern „assistieren“ sollten. Das war zwar eine interessante Erfahrung, weil man Einblicke in die Unterrichtssituation in Indien erhalten konnte, im Grunde hatten wir dort als Freiwillige aber keine richtige Funktion. Zudem war das Ganze für mich etwas frustrierend, da man einfach das indische Gesamtunterrichtskonzept sehr in Frage stellen muss.  (Da habe ich ja bereits drüber geschrieben.) Die Lehrer dort haben außerdem vor der Situation auch schon kapituliert und machen sich überhaupt nicht mehr die Mühe, die Leistungen der Schüler wirklich zu kontrollieren und Verbesserungsvorschläge anzubringen. Nach einiger Zeit in der Nursery wurden wir dann – unterbrochen von einem kurzen Examens-Intermezzo - zur „Substitution“, also zur Vertretung für abwesende Lehrkräfte eingesetzt. Das war insofern schön, als dass wir das erste Mal etwas wirklich aktiv und selbstständig, weil allein, tun konnten. Wir bekamen morgens unsere Klassen für den Tag zugeteilt. Im Klassenraum erfuhren wir dann von den Schülern, welches Unterrichtsfach und welches Kapitel im Buch heute anstanden und begannen dann wie hier üblich die Fragen und Aufgaben des Buches systematisch durchzugehen.  Aber auch hier musste man sich schnell fragen, wie wertvoll dieser Unterricht eigentlich für die Erziehung der Schüler sein kann. Das lag gar nicht an uns als unqualifizierten Lehrkräften, sondern mehr in der Tatsache begründet, dass das Schema der Lehrbücher einer Art Gehirnwäsche nahe kommt: Wenn z.B. im Fach „Moral Science“ fünfmal hintereinander Frage und Antwort „To whom do you pray everyday?“ – „I pray everyday to my god.“ abgeschrieben wird, finde ich das eher fraglich. Unsere neueste Aufgabe ist nun seit einigen Tagen „checking copies“. Dabei sollen wir die Hefte der Schüler aller Klassen daraufhin überprüfen, ob die jeweiligen Lehrer die Arbeiten der Schüler auch angemessen kontrollieren, Fehler anmerken etc. Eine Korrektur der Korrektur sozusagen. Bei über 2500 Schülern gibt es da viel zu tun. Ich komme mir langsam vor, als hätte ich ungeheure Ansprüche und an allen Tätigkeiten etwas auszusetzen. Aber 5 Stunden auf Hefte zu starren, in jedem Heft einer Klasse die gleichen Sätze zu lesen und auf eigentlich jeder Seite Fehler zu finden, da die Lehrer (siehe oben) das mit der Korrektur eher lax sehen ist definitiv nicht weshalb ich nach Indien gekommen bin (obwohl ich auch hier wiederum die Eindrücke von der indischen Schulkultur zu schätzen weiß). Problem bei diesen Korrekturen ist auch einfach, dass das „deutsche“ und das „indische“ Englisch sehr weit auseinander gehen. Die Inder benutzen etwas, das ich aus meiner Perspektive an vielen Stellen als eine Art gebrochenen Slang bezeichnen würde. Die Sprachkultur ist eine andere, weshalb ich in den Copies vieles als falsch erachte, bei dem die Lehrer anschließend gar nicht nachvollziehen können, warum ich es markiert habe. („What is wallpaper?“).
Diese Herumschieberei von uns Freiwilligen von einer Tätigkeit zur nächsten, die einander in ihrer fragwürdigen Sinnhaftigkeit nur wenig nachstehen ist ziemlich bedrückend. Hier scheint es einfach keine richtige Lücke für uns zu geben, da der Schulbetrieb auf seine Art läuft. In der Projektbeschreibung angekündigt war ja eigentlich auch, dass sich in den Nachmittagsstunden eine Möglichkeit bieten würde, Programm für die Hostelboys, bzw. –girls zu gestalten. Allerdings wurde das aus Deutschland einfach falsch eingeschätzt, da diese eigentlich rund um die Uhr in ihre „study-time“ eingebunden sind. Es ist auch ein doofes Gefühl händeringend um eine Aufgabe kämpfen zu müssen. Ich will ja nicht, dass die Leute in Begeisterungsstürme ausbrechen, weil endlich die lang ersehnte und gebrauchte Freiwillige aus Deutschland eingetroffen ist, aber ich möchte mich auch nicht völlig aufdrängen müssen.
Die Arbeitssituation ist also sehr frustrierend. Was die ganze Situation in den letzten Tagen dann zu einer Art Krise verschärft hat, ist der Aspekt der Freizeitgestaltung. Die Sinnlosigkeit der Tätigkeit wäre ja zu ertragen, wenn wenigstens die Freizeit einen Ausgleich dazu bieten würde. Allerdings hat sich vor ein paar Tagen etwas ereignet, was dies für uns auch zu einem Problemthema gemacht hat. Frustriert, da ich lange krank war und nur in meinem düsteren Zimmer bleiben konnte, packte mich das Bedürfnis wenigstens ein bisschen an die frische Luft zu kommen und den Kreislauf ein bisschen in Gang zu bringen. Daher lief ich – zugegebener Weise – etwas fahrlässig alleine durch das Wohnviertel, das an die Schule angrenzende Wohngebiet. Neugierig wie die Inder sind, wurde ich von vielen Menschen angesprochen. Dies ging auch lange gut, bis ein Mann, der ausgerechnet auch noch etwas abgelegen wohnte, begann übergriffig zu werden und meinen Busen zu berühren. Ich habe dann vor diesem Mann schnell die Flucht ergriffen und bin etwas erschüttert in die Schule zurückgekehrt. Dieser Vorfall hat die Fathers jetzt sehr in Aufruhr versetzt. Ihnen ist jetzt noch einmal bewusst geworden, wie gefährlich die Situation für uns als Frauen in Indien eigentlich ist. Deshalb wurden Besuche mit der Rikscha o.Ä. für uns vorerst völlig verboten und auch bei sonstigen Genehmigungen tun sie sich sehr schwer. Die einzige Möglichkeit für uns Freunde zu besuchen ist nun, dass diese über ein Auto verfügen und uns vom Schulgelände abholen und wieder zurückbringen können. Dies ist aber illusorisch, da nur die wenigsten gerade der jungen Leute ein Auto haben. Unsere Möglichkeit rauszukommen und in unserer Freizeit etwas anderes zu tun als auf dem Schulgelände zu sitzen und zu lesen oder zu stricken, ist daher praktisch auf ein Minimum reduziert. Die Situation kriegt hier etwas von Gefängnis und auch wenn die Fathers verstehen, wie sehr uns das belastet, so können sie aus ihrer Verantwortung heraus nichts anderes machen. Für mich, die von Kindesbeinen an eigentlich alles selbstständig mit dem Fahrrad erledigt hat, ist die Situation in dieser Form einfach nicht für ein Jahr auszuhalten.


Donnerstag, 16. Oktober 2014

Im hohen Norden...

Unser Darjeeling-Gangtok Kurzurlaub vom 30.09. bis zum 05.10. spiegelt so ziemlich die gesamte Ambivalenz wider, die ich mittlerweile oder immer noch bezüglich Indien empfinde. Ich habe unglaublich tolle Eindrücke gesammelt, viel Neues über die indische Kultur gelernt, bin aber auch an manchen Punkten mit meiner Belastbarkeit an ihre Grenzen gestoßen.
Wir, das heißt eine Gruppe aus ca. 50 Lehrern, Fathers, Sisters, Schulmitarbeitern und Schülern der 9., 11. und 12. Klassen, starteten zur unchristlichen Zeit von halb drei morgens mit dem Schulbus zur Guwahati Railway Station. Als wir dort um 5 Uhr ankamen, lernte ich zum ersten Mal den indischen Bahnhofsbetrieb – das heißt ein buntes Kuddelmuddel aus aufdringlich bettelnden Straßenkindern, zahllosen auf dem Boden schlafenden, wartenden Reisenden, Teeverkäufern und mehr oder minder skurrilen Gepäckstücken – kennen. Wir hatten Tickets für die Sleeper Class. Das sind unklimatisierte, offene Abteile, die mit insgesamt acht neben- und übereinander aufgehängten Liegen versehen sind. Die Abteile sind etwas heruntergekommen und oft weht ein latenter Geruch nach Urin und Dingen, die man lieber gar nicht kennen möchte, durch die Gänge. Aber insgesamt fand ich es erstaunlich komfortabel und konnte auf den Liegen sehr gut schlafen. Im minutentakt liefen schreiende Händler durch die Gänge, die lauthals ihr „Biryani, Biryani, Veg Biryani, Chicken Biryani…“, „Chai, Chai, Coffeee, Chai…“ oder Samosas zum Verkauf anboten. Am schönsten war natürlich mal wieder die assametische Landschaft erleben zu können. Ich konnte sogar ein bisschen traditionelle Filmromantik genießen und an der offenen Zugtür im Fahrtwind sitzen. Um halb sechs abends kamen wir dann mit einiger Verspätung in New Jalpaiguri an, aßen in einem Restaurant zu „Mittag“ und machten uns dann im Bus auf die vierstündige, bergige Busfahrt hoch nach Darjeeling. J Nachmittags wurden dann ein Zoo – schöner als die Shillong-Erfahrung -, ein Bergsteiger-Museum und der japanische (buddhistische) Friedenstempel besichtigt. Um halb sechs ging es dann (viel zu früh) wieder in das grässliche Hotel, wo der zwielichtige Hotelangestellte mir auch nur alle halbe Stunde erneut verkünden konnte, dass das Hotel über keine Decken mehr verfügen, aber er natürlich sein Möglichstes versuchen würde. Haha.


Ich will mich nicht beschweren, aber unser Hotel dort war fürchterlich (auch die Inder unserer Reisegruppe waren da meiner Meinung). Alles war kalt und feucht und in diesem Fall erwies sich mein Einzelbett als Nachteil, da die Schüler zu dritt in den  größeren Betten zwar etwas weniger Platz hatten, sich aber immerhin gegenseitig wärmen konnten und ich die ganze Nacht halbwach und frierend unter meiner nicht klammen, sondern faktisch nassen  Decke lag. Als am nächsten Morgen bereits um 03:30 gegen unsere Tür gehämmert wurde, war ich dementsprechend froh. Wir fuhren im Morgengrauen zu den Tigerhills, um den Sonnenaufgang über Indiens höchstem Berg – dem Kazenghdonga – zu sehen und dann zu einem Park/ Kriegsdenkmal mit ebenso schöner Aussicht. Wunderschön. Nach einem kurzen Abstecher zu einer „buddhist monastry“ hatten wir Zeit zum Shopping. Es gestaltete sich hierbei etwas schwierig die eigenen etwas touristischeren Wünsche gegen die resoluten Inderinnnen meiner „Shopping-Gruppe“ durchzusetzen, die angesichts der verglichen mit Nagaon günstigen Winterkleidung ganz „kaufrauschig“ wurden, aber ich kann jetzt eine fabelhafte traditionelle Nepali-Jacke mein eigen nennen.
Am nächsten Morgen ging es dann auf die bergige Tour in Richtung unserer nächsten Station: Gangtok im Bundesstaat Sikkhim, an der Grenze zu Nepal. Diese Nähe spürt man dort ganz deutlich, denn durch die Gesichter der Menschen und die Architektur fühlt man sich viel eher im chinesischen, als im indischen Kulturraum. Obwohl die Stadt nur 90km von Darjeeling entfernt ist, nahm die Fahrt viele, viele Stunden in Anspruch, da der Bus an den steilen Anfahrten ziemlich zu kämpfen hatte und die Straßen alle Nase lang unter den Überbleibseln zurückliegender Erdrutsche begraben waren. Beim Überqueren der Grenze zwischen West Bengal und Sikkhim gab es für mich eine kleine unangenehme Überraschung: Möchte man als Ausländer in diesen Staat einreisen, braucht man trotz eines für Gesamtindien gültigen Visums eine Sondereinreisegenehmigung dieses Staates. Diese ausgestellt zu bekommen ist nicht besonders schwer, jedoch benötigt man zur Beantragung Kopien von Reisepass und Visum sowie ein aktuelles Passfoto. Dies in einer unbekannten Stadt auf die Schnelle aufzutreiben, während 50 andere Reisende im Bus schwitzend warten, ist nicht die begehrenswerteste Aufgabe. Aber auch das ließ sich bewältigen und so erreichten wir gegen Abend unser Ziel Gangtok. Der erste Abend verlief ein wenig langweilig. Nachdem endlich ganz nach indischer Art etwas chaotisch die Zimmereinteilung abgeschlossen war, wurde unser Zimmer leider für den Rest des Abends völlig aus den Augen verloren. Über die Möglichkeit rauszugehen und wenigstens schon mal einen kleinen Eindruck von der lebendigen Innenstadt zu erhaschen oder  von „Mittag“ (18Uhr) und Abendessen (22Uhr) wurden wir daher gar nicht in Kenntnis gesetzt, verbrachten den Abend indische Musikclips im Fernsehen schauend auf unserem Zimmer und gingen früh zu Bett.
Ungewöhnlicher Weise startete das Programm des nächsten Tages erst sehr spät. Nachdem wir gewohnheitsmäßig in Erwartung eines wie üblich recht zeitigen Starts um halb sieben aufgestanden waren, startete das Frühstück erst um halb zehn. Dann begab sich die ganze Gruppe vor das Haus und wartete. Und wartete… Und wartete…  Der Informationsfluss gerade bezüglich Terminplanung ist in Indien oft relativ stockend, daher ist es für die Schüler gar nicht mal so ungewöhnlich zwei Stunden wartend an einem Ort zu verbringen, ohne zu wissen worauf, bzw. was gerade schief läuft. Also warteten wir. Als um halb zwölf immer noch keine Veränderung in sich war, gingen wir erst einmal Mittag essen. JFür mich gab’s „Alu Paratha“, sehr empfehlenswert. Wie ein Pfannkuchen mit eingebackenen Zwiebeln und Kartoffelstückchen. Es stellte sich dann heraus, dass die Fahrer der  für eine Sightseeing-Rundtour gebuchten Taxis relativ spontan festgestellt hatten, dass sie ob des „natürlich sehr überraschend eingetretenen“ Durga Puja-Feiertages lieber doch eher nicht arbeiten möchten. Wir standen also ohne Fahrer da und erst gegen halb zwei konnten andere Taxis gefunden werden, die bereit waren die Tour zu übernehmen. Daraufhin fuhren wir in Kleingruppen zu zahlreichen Stationen: buddhistische Klosterschulen, Aussichtspunkte, Wasserfälle, einem ziemlich unspektakulären Blumengarten etc. Am meisten beeindruckt hat die in einem der buddhistischen Kloster stattfindende Gebetszeremonie. Diese startete um sieben Uhr morgens und dauerte bis vier Uhr am Nachmittag an. Die große Gruppe von Mönchen, bei denen von kleinen Kindern über den altehrwürdig erscheinenden Greis bis zum euphorisch strahlenden, weiß/westlich aussehendem „Gastmönch“ alles vertreten war, rezitierte ununterbrochen in einem an Obertongesang erinnernden Gegrummel auf kleinen Tafeln in Sanskrit festgehaltene Gebete. Begleitet wurde das Ganze von gleichmäßigen Trommelschlägen. Nach Beendigung einer Tafel wurde das ganze kurzzeitig von einer Kakophonie aus Trommelschlägen und Tönen aus verschiedenen, an Alphörner oder auch vielleicht Didgeridoos erinnernden Instrumenten unterbrochen. Dabei wurden alle von kleinen herumflitzenden Mönchsschülern mit großen Schalen Milchtee und fladenartigem Gebäck versorgt. Obwohl mein Interesse an Indien nicht das einer mittelalten Esoterik-Tante auf der Suche nach spiritueller Erfahrung ist (Ich entschuldige mich hiermit wenn ich etwas despektierlich klingen sollte und sich jemand auf den Schlips getreten fühlt.), war das für mich doch ein ganz besonderer Moment. Später bin ich dann noch mit Santana Miss, einer sehr netten Lehrerin, ins abendliche, lebendige Gangtok aufgebrochen und habe mich mit ihr auf die Suche nach (hässlicher)Wintermode begeben. Es war schön noch ein wenig das abendliche, touristische und daher lebendige Flair dieser Stadt zu genießen.

Die am nächsten Tag anstehende Rückreise gestaltete sich dann als das organisatorische Highlight der Fahrt. Um 06:30 verließen wir Gangtok mit dem Bus und fuhren zur Bahnstation „New Jalpaiguri“, die wir um 12 erreichten und dort zu Mittag aßen. Aufgrund von Komplikationen (die genaueren Umstände weiß ich nicht) konnten für den eigentlich geplanten letzten Shoppingtrip ins nahliegende Siliguri erneut keine Fahrer gefunden werden. Die Alternative war daher an der Station auf den Zug zu warten, der um 18 Uhr abfahren sollte. Als wir die sechs Stunden dann mit Hilfe zahlreicher Chips und Schokolade endlich überbrückt hatten, wurde der Zug zuerst als 5, dann 6 und dann auf unbestimmte Zeit verspätet angesagt. Nach weiteren Ansagen für 02:00 und 02:30 und insgesamt 15 Stunden von lautstarken, zermürbenden Durchsagen begleiteter Warterei traf der Zug um 03:00 dann endlich ein. Die dann noch anstehende neunstündige Zugfahrt mit verhältnismäßig bequemen Liegen und die drei Stunden Bustour nach Nagaon kamen einem daraufhin sehr, sehr milde vor. J