Trotz aller Schwierigkeiten, die ich in den Monaten zuvor
hatte, gestalteten sich die letzten Tage in Nagaon doch erstaunlich schwer und
die Abschiedswehmut war groß. Etwas besänftigt durch die Aussicht die Christ
Jyoti School bald verlassen zu können, gelang es mir in den letzten Wochen mich
doch etwas besser auf die Situation einzulassen. Ich verbrachte viel Zeit auf
dem Dach in der Sonne mit Lesen, schlief viel, belagerte die Köchinnen bei
ihrer Arbeit und beobachtete stundenlang einfach nur die Bauarbeiten auf dem
Schulgelände. Es war kolossal spannend, wie die bestimmt teilweise erst 15-,
16-jährigen Arbeiter mit Flipflops an den Füßen und verschiedenstem, oft eher
improvisiert wirkendem Werkzeug und bloßer Körperkraft nach nicht ganz
nachvollziehbarem System ganze Gebäude einrissen. Zwischendurch brach mal ein
Arbeiter durch den Fußboden, da das Haus an dieser Stelle schon ziemlich porös
war und stürzte ein Stockwerk tiefer. Dann stand die gesamte Arbeiterschaft
ungefähr fünf Minuten, aufgebracht schnatternd um ihn herum, er stand wieder
auf und die Arbeit ging weiter. Vorteil der geringeren Sicherheitsmaßnahmen in
Indien, dass die Baustellen nicht wie bei uns vollständig abgesperrt sind und
ich die Arbeiten daher von ganz Nahem sehen konnte. Mit dieser Gelassenheit,
die sich in mir in den letzten Wochen entwickelte, hätte ich es in Nagaon
bestimmt doch auch länger aushalten können. Jedoch war es für mich nicht das
Ziel dieses Jahres mich für den Großteil des Tages allein mit einem Buch auf
ein Dach zurückzuziehen. Es ging darum Menschen zu begegnen und eine Aufgabe zu
haben. Daher war es die richtige Entscheidung nach sieben Monaten zu gehen,
auch wenn mir der Abschied nun schwer fällt. Zudem grenzt der Umgang mit
christlichen, daher doch meiner Erwartung nach eigentlich menschenfreundlichen
Fathers an das Ertragbare. Eine meiner letzten Erinnerungen an ein gemeinsames
Frühstück: Um das Schweigen zu unterbrechen und ein wenig Smalltalk zu führen
spricht Lisa einen der Fathers auf seinen neuen Blazer an, da sie diese bis
jetzt nur an den Lehrern als neue formale Schulkleidung gesehen hatte („Oooh,
you also have one of those blazers?“). Darauf antwortet dieser mit der Aussage:
„Of cause. What do you think? I
am the administrator of this school. Why do you always talk such rubbish?“ Charmant.
Eine Aktion von vielen, die dazu führen, dass man nur noch den Kopf einzieht,
wenn man einem der Fathers begegnet und den Mund gar nicht mehr öffnet. Es gibt
natürlich auch Ausnahmen, aber das Gesamtgefühl ist dieses. Da sich auch die
Brothers, die noch im Studium befindlichen Priester, die ich bei uns im Haus
erlebt habe am Esstisch so devot schweigend verhalten, vermute ich fast, dass
sich im Verlaufe ihrer Ausbildung eine derartige Frustration aufstaut und so
viel heruntergeschluckt werden musste, dass sie dies später in ihrer als
Fathers endlich erlangen Machtposition mit solcher verbaler Aggressivität
irgendwie kompensieren müssen. Meinem Bild vom Katholizismus hat das Leben an
dieser Schule nicht besonders gut getan. Das Wort, das mir konsequent im Kopf
herumgeisterte war „Scheinheiligkeit“. Wenn nach außen hin ein Leben in Armut
angepriesen wird und dann im Gemeinschaftsraum die Sahnetorten stehen, Dinge,
die in der Öffentlichkeit verboten, plötzlich im Hinterzimmer ganz legitim sind
(sich die Kante geben zum Beispiel) und der offiziell gerade im Gebet
versunkene Fathers gerade auf dem Sofa liegt und ein Nickerchen macht ,hat das
mit Integrität nicht viel zu tun. Die Schwestern sind da meines Erachtens
konsequenter. Ich glaube ich muss bei meinen Erfahrungen in Indien ganz massiv
trennen zwischen dem, was ich mit der Ordensgemeinschaft bzw. meiner
unergiebigen Arbeit in der Schule erfahren habe und den anderen zahlreichen
Erfahrungen und Bekanntschaften, die ich gemacht habe und die ich
unwahrscheinlich vermissen werde. Erst zum Abschied wird einem klar, wie sehr
man sich doch schon an das neue Leben in Indien gewöhnt hat. Besonders der
Abschied zu Lolita und Estrilla unseren beiden Köchinnen war sehr schwer.
Nachdem Johanna das Projekt verlassen hatte, war ihre Küche eine Art
Zufluchtsort, in der ich, wenn ich mich einsam fühlte getröstet, bei Langeweile
mit Knoblauch Schälen beschäftigt wurde oder wo ich einfach nur den beiden bei
der Arbeit zusah, mit ihnen rumwitzelte und über die Fathers lästerte. Ich habe
unglaublich Respekt vor den beiden, denn die Arbeit bei den Fathers bietet
ihnen zwar große Vorteile - Sicherheit und Platz an der Privatschule für die
Töchter. Jedoch arbeiten beide sieben Tage die Woche von 05-12 und 15-19Uhr und
hören kaum mal ein freundliches Wort, sondern immer nur, ob das Essen gerade zu
viel oder zu wenig war. (Was man mal kalkulieren soll, wenn die Fathers immer
unangekündigt Gäste einladen.) Der andere schwere Abschied war von der Familie Thomas,
die in den nahe gelegenen Colonies wohnt und die so etwas wie meine
Ersatzfamilie geworden sind. Die Familienstruktur mit den drei Töchtern,
entspricht exakt meiner eigenen und ich wurde dort so herzlich aufgenommen,
dass ich mich wie bei Mutti und Schwestern gefühlt habe. J Kleine Kabbeleien
eingeschlossen.
Nachdem nun die fürchterlichen Abschiede hinter mich
gebracht sind, beginnt nun vorerst der letzte Teil meiner Indien-Erfahrungen
und ich Reise für drei Wochen mit meinem Freund. Wir haben uns für eine der
touristischsten Routen entschieden und treffen uns in Delhi. Von dort starten
wir dann mit einem kleinen Schlenker nach McLeod Ganj in Himachal Pradesh, dem am
Himalaya gelegenen Zufluchtsort der Exiltibeter und des Dalai Lama. Dann fahren
wir zurück Richtung Süden nach Agra, besuchen Jaipur, Pushkar und Jodhpur im
wüstigen Rajastan, gefolgt von Mumbai. Ausklingen und als Übergang ins
westliche Deutschland vielleicht gar nicht schlecht lassen wir unsere Reise
dann entspannt im wohl touristischsten Ort Indiens ausklingen: Goa. Ich freue
mich schon sehr.Samstag, 21. Februar 2015
Dienstag, 10. Februar 2015
Reisezeit - Kolkata
Da Fabian seinen Reisepass wirklich noch in letzter Minute
von den Behörden in Delhi zurückerhalten hatte, konnten wir zu guter Letzt am
16.12.14 doch noch gemeinsam unsere Reise nach Kolkata starten. Zu Beginn
schien erst einmal alles schief zu laufen. Fabians Rückflug wurde von Spicejet
gecancelt und musste umgebucht werden, sodass er Kolkata einen Tag früher
verlassen würde. Als wir am Flughafen in Guwahati eintrafen stand dann bereits
eine aufgebracht schreiende Menschenmenge vor dem Spicejet-Schalter, da ein
Flug nach Delhi vollständig gecancelt wurde, nachdem er bereits mehrere Tage
Stück für Stück nach hinten verschoben wurde. Auch unser Flug wurde dann als
verspätet angekündigt. Nervig, wenn man eh deutlich vor der Zeit am Flughafen
ist (Die Erfahrung zeigt: Für alle Eventualitäten ist es in Indien immer besser
einen üppigen Zeitpuffer einzuplanen.). Immer wieder wurde der Grad der
Verspätung vergrößert und es hing die große Ungewissheit im Raum, ob der Flug
überhaupt starten würde. Gott sei Dank konnten wir uns die Wartezeit mit zwei
netten Fathers aus Shillong vertreiben, von denen der eine –wie so viele – eine
Zeit lang in Deutschland studiert hatte, über großes historisches Wissen verfügte
und mir viel über die Geschichte Indiens erzählen konnte. Nachdem der Flug dann
nach viel Trara und mit ca. 10 Stunden Verspätung Kolkata erreichte, standen
wir dann vor einem neuen Problem: Wohin mit uns um drei Uhr morgens? Da uns der
Sinn nicht danach stand noch mehr Zeit am Flughafen zu verbringen, fuhren wir
trotz nachtschlafender Zeit einfach in die Sudder Street zum Afridi
international Hotel, in dem wir reserviert hatten. Die Sudder Street stellte
sich jedoch nicht als das freundliche und belebte Touristenzentrum dar (das es
wie wir später herausfanden tagsüber ist), sondern als düstere Gasse, ohne
Beleuchtung, in deren Ecken Leute unter Plastikplanen schliefen und Hunde den
Müll durchwühlten. Erfolglos und ängstlich rüttelten wir an den Türen unseres und mehrerer anderer
Hotels, wo uns zwar überall jemand antwortete, die Leute jedoch hinter den
vergitterten Türen verschanzt blieben und uns darauf verwiesen, morgen wieder
zu kommen. So abgewiesen standen wir mit klopfendem Herzen allein auf der zwielichtigen Straße bis uns
ein beflissener Taxifahrer in sein Taxi und in das nächste geöffnete Hotel
manövrierte. Das Zimmer dort wurde uns zwar zu einem völlig unverhältnismäßigen
Preis angedreht, jedoch war ich nach dieser Erfahrung nur froh die Tür hinter
mir abschließen zu können.
Am nächsten Morgen machten wir uns dann zu Fuß auf unser
eigentliches Hotel zu beziehen. Bei Tag sah die Sudder Street dann völlig
anders aus: touristischer Trubel, freundliche Händler und das Hotel war einfach
super. Und damit begann der schöne Teil der Reise:
Wir besichtigten den Maidan, das Victoria Memorial und die
St. Paul’s Cathedral. Am nächsten Tag wanderten wir die geschäftige Neruh road
entlang in Richtung BBD Bagh – eines künstlichen Sees in der Stadt, umringt von
schönen historischen Gebäuden -, über den Blumenmarkt und die Howrah Bridge –
angeblich die verkehrsreichste Brücke der Welt – über die Mahatma Ghandi road
zum Marble Palace und wieder zurück zum Hotel. Zwischendurch genossen wir das
Straßenessen, Kolkatas berühmte Sweets und die umliegende
Kolonialzeitarchitektur. Und immer wieder gab‘s natürlich Chai-Pausen. Ein
bisschen indische Kultur steckt uns ja mittlerweile doch in den Knochen. J
Dann besuchten wir noch das Mother Theresa House, in dem sie
ihre letzten Jahre gearbeitet hat und auch gestorben ist, den Weihnachtsmarkt
in der Park Street, der bei uns aber wenig weihnachtliche Stimmung hervorrief
und trafen uns mit Emmanuel, einem deutschen Studenten, der für ein Jahr in
einem indischen Unternehmen arbeitet und den ich im Vorfeld unserer Reise bei
facebook kennengelernt hatte. Es war sehr schön sich mit jemand anderem über
die Erfahrungen in Indien und mit Freiwilligendiensten (er war in Afrika)
austauschen zu können. Zudem hatte er immer wieder kleine Geheimtipps, vor
allem bezüglich Bars, Cafés und Restaurants in denen wir sehr nette Abende
verbrachten. Insgesamt war es unglaublich, wie sicher ich mich als weiße, junge
Frau in Kolkata fühlen konnte. Ich konnte mich allein bewegen ohne mich
verunsichert zu fühlen. Hier wurde mir der Unterschied zwischen einer
weltoffeneren Großstadt und den ländlichen und krisengeschüttelten Assam erst
so richtig bewusst.
Meinen letzten Tag verbrachte ich, da Fabian ja einen Tag
früher fliegen musste, mit einer Tour über den New Market, einer alten
Verkaufshalle die heute ein wahres Shoppingparadies ist, auch wenn man sich
ununterbrochen gegen übergriffige „Shopping-Guides“ und Händler durchsetzen
muss. Im dritten Shop nahm mich dann auch gleich eine überschwängliche, Ende
vierzig-jährige Australierin unter ihre Fittiche und führte mich zu den „best
shops“. Da ich eh keine Pläne für den Tag hatte nahm ich ihre Gesellschaft sehr
gerne an und tourte mit ihr unter viel Gewusel durch den Markt. Am Abend traf
ich mich dann noch ein letztes Mal mit Emmanuel, trank eine für mich grässliche
heiße Schokolade, die gerichtet nach dem indischem Geschmack ungefähr zur
Hälfte aus Zucker bestand und machte mich dann am Sonntag früh auf, um nach
Kerala weiterzureisen. Der erste Abschnitt meiner vierwöchigen Reisezeit war
schon mal ein voller Erfolg.
| Chai-Pause |
| Howrah-Bridge |
| Mullik Ghat Flower Market |
| professionelles Ohrenputzen |
| Victoria Memorial |
Sonntag, 14. Dezember 2014
Endlich Kaziranga
Der Kontakt, den wir Ende November durch unsere Übernachtung
in der Salonah Mission zu den dortigen Fathers hergestellt hatten, zahlte sich
Ende letzter Woche sofort in großartiger Weise aus. Schon bei unserem ersten
Besuch machte uns Father Philip das Angebot, doch gerne erneut zu ihm nach
Salonah zu kommen sodass er mit uns eventuell in den Kaziranga National Park fahren
könne. Wir versuchten also eine Woche lang unser Möglichstes um diese Einladung
zu realisieren: Wir bissen die Zähne zusammen und fragten den überarbeiteten
und schlecht gelaunten Father Benny um Erlaubnis, auch wenn wir große Angst
davor hatten ihn anzusprechen. Father Philip hängte sich ins Zeug und
organisierte uns eine Rückfahrmöglichkeit und im wirklich letzten Moment gelang
es uns dann noch eine Begleitung für die Hinfahrt zu finden. Die Fahrt führt
über zahlreiche Dörfer, man muss mehrere Male umsteigen und die Fathers
verbieten es uns ja grundsätzlich, uns allein mit öffentlichen Verkehrsmitteln
zu bewegen. Daher waren wir sehr froh, dass uns Silvester, der Leiter des
Schuloffices erzählte, dass er aus Salonah stamme und seinen Sohn zu unserer
Begleitung einfach auf „Heimbesuch“ schickte.
Als wir in der Mission ankamen hatten Johanna und Ich
unseren ersten Euphorie-Schub. Die Menschen dort sind einfach so herzlich und
erst durch den Abstand zu unserer Schule und den Fathers wurde uns deutlich,
wie bedrückend und belastend die Situation dort ist und wie gut es tut dort
rauszukommen. Wir kochten den Fathers zum Abendbrot „deutsche“ Apfelpfannkuchen
(Die sie im Gegenzug zu unseren Fathers auch probierten. Und mochten!), saßen
am Lagerfeuer und sangen zu zweit Weihnachtslieder, bis ein Father sich zu uns
setzte und wir uns lange und intensiv über unser Leben, Deutschland und Indien
unterhielten. Wenn man sich überlegt, dass mich die Fathers in Nagaon noch
nicht einmal gefragt haben, wie viele Geschwister ich habe, war das eine schöne
Differenzerfahrung.
Am nächsten Morgen klingelte dann um viertel vor vier unser
Wecker. Wir schlüpften in unsere Wanderstiefel, drei Pullover-Schichten, Mütze
und Schal und fuhren noch halb komatös mit Father Philip die 1,5 Stunden bis in
den National Park. Dort befanden wir uns dann in der merkwürdigen Situation,
das erste Mal Touristen und vor allem Weiße in Indien zu sehen. Nagaon ist
provinziell. Dort begegnet man keinen Ausländern und daher konnte ich mich
jetzt das erste Mal in die Situation der fasziniert, aber penetrant
aufdringlich starrenden Inder versetzen. Zu dritt kletterten wir dann auf die
Elefantendame Maruti und machten eine kurze (1Std) aber unglaublich schöne und
beeindruckende Tour durch den Park. Wir ritten durch matschige Sumpfebenen,
hohes vom Nebel feuchtes Savannengras und konnten zahlreiche Tiere – Reharten
und Vögel z.B. Pelikane – sehen. Besonders beeindruckend waren die „One-horn
Rhinos“ , für die der Park berühmt ist. Drei davon grasten in nur zehn Meter
Entfernung und wir konnten den Körper eingehend betrachten, der fast
Schilkröten- oder Dinosaurier-artig von einer Art Panzer umgeben ist. Skurrile
Tiere. J
Anschließend fütterten wir noch die Babyelefanten mit
Bananen, die sie uns ungestüm aus den Händen rissen und fuhren zurück in die
Mission um übervoll an Eindrücken erst einmal ausgiebig zu frühstücken.
![]() |
| Im Teegarten der Salonah-Mission |
Annekdoten aus Indien 3: Terminplanung
Möchte man nach deutscher Manier in Indien eine
Veranstaltung planen, stößt man mit dem Versuch deutscher Planung - wie wir
mittlerweile erfahren haben - schnell an seine Grenzen. Die Zahl der
eintreffenden Gäste und auch Zeit ihres Eintreffens bzw. Abreisens ist schier
unkalkulierbar. Da Johanna ab dem 10.Dezember für sieben Wochen auf Reisen geht
und hinterher nur für eine Woche ins Projekt zurückkehrt bevor sie Indien
verlässt, wollte sie am Sonntag eine kleine „Farewell-Party“ vor allem für die
befreundeten Lehrer geben. Da wir hier ja eh nicht so mit Beschäftigung
gesegnet sind, gaben wir uns große Mühe und bastelten Einladungskarten,
überlegten uns deutsche Gerichte, die wir auf dem Büffet anbieten könnten (am
Ende wurde es Baumkuchen) und ein paar Worte, die Johanna zum Abschied an alle
richten wollte. Es war jedoch völlig unmöglich im Vorfeld herauszubekommen, wie
viele von den ca. 25 eingeladenen Gästen tatsächlich kommen würden, da alle mit
eindeutigen Aussagen ziemlich herumdrucksten. Wir bereiteten also Essen für 20
Personen vor um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Wir fuhren um halb
zehn morgens zu Pinky Madam, in deren Tution-Center (ein seperater
spartanischer, mit Bänken versehener Raum auf dem Dach ihres Nachbarhauses) die
Party stattfinden sollte. Dort wollten wir dann gemeinsam das Basis-Menü
vorbereiten, aber Miss Pinky war natürlich schon um sechs Uhr aufgestanden und
hatte alles allein fertiggestellt. Zudem sollte nach Art eines deutschen
Büffets um der lieben Vielfalt Willen jeder Gast noch eine Kleinigkeit
beisteuern. Dies stieß auf sehr geteilte Meinung, sorgte zumindest aber für
große Verwirrung. J
Wir hübschten uns dann noch ein bisschen mit unseren frisch erworbenen Mekhela
Chadors, den assametischen Sarees auf und warteten auf die Gäste. Und warteten,
und warteten…
Eine Stunde nach verabredeter Zeit waren dann „tatsächlich
schon“ zwei Gäste eingetroffen und Johanna wurde schon immer verzweifelter, ob
es denn bei diesen zwei bleiben würde. Irgendwann kam dann aber doch noch ein
Haufen aus sechs weiteren Personen angetrudelt. Nach all der Warterei
entsprechend hungrig, ließ Johanna dann das geplante Spiel und die dankenden
Worte ausfallen und ging direkt zum Buffet über. Ein Gast blieb nur für fünf Minuten,
weil er wichtige Arbeiten zu erledigen habe.(Aber eine sehr nette Geste, dass
er überhaupt gekommen ist.) Die anderen
verabschiedeten sich nach einer Stunde, nachdem gegessen und Millionen von
Fotos geschossen wurden, da sie schnell wieder Klausuren korrigieren,
Tanzklassen leiten oder Nachhilfe geben mussten. Und es blieb natürlich viel zu
viel Essen über. (Nur der Baumkuchen war so ratzekahl leer gegessen, dass ich
selbst kein Stück mehr ergattern konnte. Kein Wunder. Hier gibt es leider nur
synthetische Zuckerschaum-Torten J
) Im Nachhinein fanden wir heraus, dass Johanna über diese Zahl an Gästen und
den Erfolg ihrer Party sehr froh sein konnte. Bei den geplanten
Geburtstagspartys von anderen Freiwilligen in Indien kam in zahlreichen Fällen
kein einziger Gast. Terminplanung in Indien ist deutlich flexibler als man es
in Deutschland kennt.
Montag, 8. Dezember 2014
Village-Life
Am letzten Donnerstag, den 27.11. konnten wir unserer Schulpflicht und
der angespannten Situation mit den Fathers etwas entkommen, da eine Freundin
aus der benachbarten christlichen Siedlung und ihre Schwester mich und Johanna
einluden ihr Dorf zu besuchen. Diese Einladung wurde zwar etwas schamhaft
ausgesprochen, mit der Warnung, dass ihre Familie sehr arm sei und uns nichts
bieten könne, aber wir freuten uns wahnsinnig. Nachdem wir unter der Bedingung,
dass wir im Convent der dortigen Schwestern übernachten und nicht im Haus der
Familie gaben die Fathers nach einigem Knurren auch endlich ihre Erlaubnis. Die
Reise begann mit einer Cycle-Rikscha-Fahrt nach Nagaon, dann stiegen wir in ein
public car (so etwas wie Jeep-Busse, in denen mit etwas Quetschen erstaunlich
viele Menschen Platz finden) und fuhren dann die letzte Strecke mit der
Auto-Rikscha eines Freundes von Swapna. Dort wurde dann trotz angekündigter
Armut für uns Gäste das volle Programm aus Tee, Kuchen und in Sirup getränkten
Rasgulla aufgefahren. J
Wir fuhren dann wieder in Swapnas Haus und gegen Mittag nach Hause. Unglaublich
was für schöne Tage und welche Herzlichkeit uns diese arme Familie geschenkt
hat.
| Sweets (von uns "Ranz-Süßigkeiten" getauft), schmeckt leider fast alles NICHT! |
| Und hier begann Johannas Sternfrucht-Exzess |
| Johannas Jagd nach Sternfrüchten |
| Reisfelder hinter dem Haus |
| Waschplatz mit Gebirgswasser |
| Aussicht von den umliegenden Hügeln |
| Swapnas Mann beim Fischen im eigenen Teich |
| ein mittelgroßer Fisch |
| Bildunterschrift hinzufügen |
| Essen von Bananentellern - Einweg-Geschirr mal anders |
| Familienfoto |
Freitag, 7. November 2014
Alltagsfrust
Auf Anfrage und auch aus gegebenem Anlass möchte ich heute
mal ein bisschen mehr auf meinen Alltag hier im Projekt und meine Arbeit
eingehen.
Gegebener Anlass deshalb, da dieses Thema unseren Aufenthalt
in Indien seit Beginn ein wenig madig macht und sich die Situation in den
letzten Tagen noch zusätzlich verschärft hat. Deshalb denke ich im Moment
wirklich sehr darüber nach, wie lange der Aufenthalt im Projekt sich für mich
noch lohnt.
Zu Beginn unseres Aufenthalts wurden wir - wie ja schon
beschrieben - in unterschiedliche Nursery-Klassen eingeteilt, in denen wir den
Lehrern „assistieren“ sollten. Das war zwar eine interessante Erfahrung, weil
man Einblicke in die Unterrichtssituation in Indien erhalten konnte, im Grunde
hatten wir dort als Freiwillige aber keine richtige Funktion. Zudem war das
Ganze für mich etwas frustrierend, da man einfach das indische Gesamtunterrichtskonzept
sehr in Frage stellen muss. (Da habe ich
ja bereits drüber geschrieben.) Die Lehrer dort haben außerdem vor der Situation
auch schon kapituliert und machen sich überhaupt nicht mehr die Mühe, die
Leistungen der Schüler wirklich zu kontrollieren und Verbesserungsvorschläge
anzubringen. Nach einiger Zeit in der Nursery wurden wir dann – unterbrochen
von einem kurzen Examens-Intermezzo - zur „Substitution“, also zur Vertretung
für abwesende Lehrkräfte eingesetzt. Das war insofern schön, als dass wir das
erste Mal etwas wirklich aktiv und selbstständig, weil allein, tun konnten. Wir
bekamen morgens unsere Klassen für den Tag zugeteilt. Im Klassenraum erfuhren
wir dann von den Schülern, welches Unterrichtsfach und welches Kapitel im Buch
heute anstanden und begannen dann wie hier üblich die Fragen und Aufgaben des
Buches systematisch durchzugehen. Aber
auch hier musste man sich schnell fragen, wie wertvoll dieser Unterricht
eigentlich für die Erziehung der Schüler sein kann. Das lag gar nicht an uns
als unqualifizierten Lehrkräften, sondern mehr in der Tatsache begründet, dass
das Schema der Lehrbücher einer Art Gehirnwäsche nahe kommt: Wenn z.B. im Fach
„Moral Science“ fünfmal hintereinander Frage und Antwort „To whom do you pray
everyday?“ – „I pray everyday to my god.“ abgeschrieben wird, finde ich das
eher fraglich. Unsere neueste Aufgabe ist nun seit einigen Tagen „checking copies“.
Dabei sollen wir die Hefte der Schüler aller Klassen daraufhin überprüfen, ob
die jeweiligen Lehrer die Arbeiten der Schüler auch angemessen kontrollieren,
Fehler anmerken etc. Eine Korrektur der Korrektur sozusagen. Bei über 2500
Schülern gibt es da viel zu tun. Ich komme mir langsam vor, als hätte ich
ungeheure Ansprüche und an allen Tätigkeiten etwas auszusetzen. Aber 5 Stunden
auf Hefte zu starren, in jedem Heft einer Klasse die gleichen Sätze zu lesen
und auf eigentlich jeder Seite Fehler zu finden, da die Lehrer (siehe oben) das
mit der Korrektur eher lax sehen ist definitiv nicht weshalb ich nach Indien
gekommen bin (obwohl ich auch hier wiederum die Eindrücke von der indischen
Schulkultur zu schätzen weiß). Problem bei diesen Korrekturen ist auch einfach,
dass das „deutsche“ und das „indische“ Englisch sehr weit auseinander gehen.
Die Inder benutzen etwas, das ich aus meiner Perspektive an vielen Stellen als
eine Art gebrochenen Slang bezeichnen würde. Die Sprachkultur ist eine andere,
weshalb ich in den Copies vieles als falsch erachte, bei dem die Lehrer
anschließend gar nicht nachvollziehen können, warum ich es markiert habe.
(„What is wallpaper?“).
Diese Herumschieberei von uns Freiwilligen von einer
Tätigkeit zur nächsten, die einander in ihrer fragwürdigen Sinnhaftigkeit nur
wenig nachstehen ist ziemlich bedrückend. Hier scheint es einfach keine
richtige Lücke für uns zu geben, da der Schulbetrieb auf seine Art läuft. In
der Projektbeschreibung angekündigt war ja eigentlich auch, dass sich in den
Nachmittagsstunden eine Möglichkeit bieten würde, Programm für die Hostelboys,
bzw. –girls zu gestalten. Allerdings wurde das aus Deutschland einfach falsch
eingeschätzt, da diese eigentlich rund um die Uhr in ihre „study-time“
eingebunden sind. Es ist auch ein doofes Gefühl händeringend um eine Aufgabe
kämpfen zu müssen. Ich will ja nicht, dass die Leute in Begeisterungsstürme
ausbrechen, weil endlich die lang ersehnte und gebrauchte Freiwillige aus
Deutschland eingetroffen ist, aber ich möchte mich auch nicht völlig aufdrängen
müssen.
Die Arbeitssituation ist also sehr frustrierend. Was die
ganze Situation in den letzten Tagen dann zu einer Art Krise verschärft hat,
ist der Aspekt der Freizeitgestaltung. Die Sinnlosigkeit der Tätigkeit wäre ja
zu ertragen, wenn wenigstens die Freizeit einen Ausgleich dazu bieten würde.
Allerdings hat sich vor ein paar Tagen etwas ereignet, was dies für uns auch zu
einem Problemthema gemacht hat. Frustriert, da ich lange krank war und nur in
meinem düsteren Zimmer bleiben konnte, packte mich das Bedürfnis wenigstens ein
bisschen an die frische Luft zu kommen und den Kreislauf ein bisschen in Gang
zu bringen. Daher lief ich – zugegebener Weise – etwas fahrlässig alleine durch
das Wohnviertel, das an die Schule angrenzende Wohngebiet. Neugierig wie die
Inder sind, wurde ich von vielen Menschen angesprochen. Dies ging auch lange
gut, bis ein Mann, der ausgerechnet auch noch etwas abgelegen wohnte, begann
übergriffig zu werden und meinen Busen zu berühren. Ich habe dann vor diesem
Mann schnell die Flucht ergriffen und bin etwas erschüttert in die Schule
zurückgekehrt. Dieser Vorfall hat die Fathers jetzt sehr in Aufruhr versetzt.
Ihnen ist jetzt noch einmal bewusst geworden, wie gefährlich die Situation für
uns als Frauen in Indien eigentlich ist. Deshalb wurden Besuche mit der Rikscha
o.Ä. für uns vorerst völlig verboten und auch bei sonstigen Genehmigungen tun
sie sich sehr schwer. Die einzige Möglichkeit für uns Freunde zu besuchen ist
nun, dass diese über ein Auto verfügen und uns vom Schulgelände abholen und
wieder zurückbringen können. Dies ist aber illusorisch, da nur die wenigsten
gerade der jungen Leute ein Auto haben. Unsere Möglichkeit rauszukommen und in
unserer Freizeit etwas anderes zu tun als auf dem Schulgelände zu sitzen und zu
lesen oder zu stricken, ist daher praktisch auf ein Minimum reduziert. Die
Situation kriegt hier etwas von Gefängnis und auch wenn die Fathers verstehen,
wie sehr uns das belastet, so können sie aus ihrer Verantwortung heraus nichts anderes
machen. Für mich, die von Kindesbeinen an eigentlich alles selbstständig mit
dem Fahrrad erledigt hat, ist die Situation in dieser Form einfach nicht für
ein Jahr auszuhalten.
Donnerstag, 16. Oktober 2014
Im hohen Norden...
Unser Darjeeling-Gangtok Kurzurlaub vom 30.09. bis zum
05.10. spiegelt so ziemlich die gesamte Ambivalenz wider, die ich mittlerweile
oder immer noch bezüglich Indien empfinde. Ich habe unglaublich tolle Eindrücke
gesammelt, viel Neues über die indische Kultur gelernt, bin aber auch an
manchen Punkten mit meiner Belastbarkeit an ihre Grenzen gestoßen.
Wir, das heißt eine Gruppe aus ca. 50 Lehrern, Fathers,
Sisters, Schulmitarbeitern und Schülern der 9., 11. und 12. Klassen, starteten
zur unchristlichen Zeit von halb drei morgens mit dem Schulbus zur Guwahati
Railway Station. Als wir dort um 5 Uhr ankamen, lernte ich zum ersten Mal den
indischen Bahnhofsbetrieb – das heißt ein buntes Kuddelmuddel aus aufdringlich
bettelnden Straßenkindern, zahllosen auf dem Boden schlafenden, wartenden
Reisenden, Teeverkäufern und mehr oder minder skurrilen Gepäckstücken – kennen.
Wir hatten Tickets für die Sleeper Class. Das sind unklimatisierte, offene
Abteile, die mit insgesamt acht neben- und übereinander aufgehängten Liegen
versehen sind. Die Abteile sind etwas heruntergekommen und oft weht ein latenter
Geruch nach Urin und Dingen, die man lieber gar nicht kennen möchte, durch die
Gänge. Aber insgesamt fand ich es erstaunlich komfortabel und konnte auf den
Liegen sehr gut schlafen. Im minutentakt liefen schreiende Händler durch die
Gänge, die lauthals ihr „Biryani, Biryani, Veg Biryani, Chicken Biryani…“,
„Chai, Chai, Coffeee, Chai…“ oder Samosas zum Verkauf anboten. Am schönsten war
natürlich mal wieder die assametische Landschaft erleben zu können. Ich konnte
sogar ein bisschen traditionelle Filmromantik genießen und an der offenen
Zugtür im Fahrtwind sitzen. Um halb sechs abends kamen wir dann mit einiger
Verspätung in New Jalpaiguri an, aßen in einem Restaurant zu „Mittag“ und
machten uns dann im Bus auf die vierstündige, bergige Busfahrt hoch nach
Darjeeling. J
Nachmittags wurden dann ein Zoo – schöner als die Shillong-Erfahrung -, ein
Bergsteiger-Museum und der japanische (buddhistische) Friedenstempel
besichtigt. Um halb sechs ging es dann (viel zu früh) wieder in das grässliche
Hotel, wo der zwielichtige Hotelangestellte mir auch nur alle halbe Stunde
erneut verkünden konnte, dass das Hotel über keine Decken mehr verfügen, aber
er natürlich sein Möglichstes versuchen würde. Haha.
Ich will mich nicht beschweren, aber unser Hotel dort war fürchterlich (auch die Inder unserer Reisegruppe waren da meiner Meinung). Alles war kalt und feucht und in diesem Fall erwies sich mein Einzelbett als Nachteil, da die Schüler zu dritt in den größeren Betten zwar etwas weniger Platz hatten, sich aber immerhin gegenseitig wärmen konnten und ich die ganze Nacht halbwach und frierend unter meiner nicht klammen, sondern faktisch nassen Decke lag. Als am nächsten Morgen bereits um 03:30 gegen unsere Tür gehämmert wurde, war ich dementsprechend froh. Wir fuhren im Morgengrauen zu den Tigerhills, um den Sonnenaufgang über Indiens höchstem Berg – dem Kazenghdonga – zu sehen und dann zu einem Park/ Kriegsdenkmal mit ebenso schöner Aussicht. Wunderschön. Nach einem kurzen Abstecher zu einer „buddhist monastry“ hatten wir Zeit zum Shopping. Es gestaltete sich hierbei etwas schwierig die eigenen etwas touristischeren Wünsche gegen die resoluten Inderinnnen meiner „Shopping-Gruppe“ durchzusetzen, die angesichts der verglichen mit Nagaon günstigen Winterkleidung ganz „kaufrauschig“ wurden, aber ich kann jetzt eine fabelhafte traditionelle Nepali-Jacke mein eigen nennen.
Am nächsten Morgen ging es dann auf die bergige Tour in
Richtung unserer nächsten Station: Gangtok im Bundesstaat Sikkhim, an der
Grenze zu Nepal. Diese Nähe spürt man dort ganz deutlich, denn durch die
Gesichter der Menschen und die Architektur fühlt man sich viel eher im
chinesischen, als im indischen Kulturraum. Obwohl die Stadt nur 90km von
Darjeeling entfernt ist, nahm die Fahrt viele, viele Stunden in Anspruch, da
der Bus an den steilen Anfahrten ziemlich zu kämpfen hatte und die Straßen alle
Nase lang unter den Überbleibseln zurückliegender Erdrutsche begraben waren.
Beim Überqueren der Grenze zwischen West Bengal und Sikkhim gab es für mich
eine kleine unangenehme Überraschung: Möchte man als Ausländer in diesen Staat
einreisen, braucht man trotz eines für Gesamtindien gültigen Visums eine
Sondereinreisegenehmigung dieses Staates. Diese ausgestellt zu bekommen ist
nicht besonders schwer, jedoch benötigt man zur Beantragung Kopien von
Reisepass und Visum sowie ein aktuelles Passfoto. Dies in einer unbekannten
Stadt auf die Schnelle aufzutreiben, während 50 andere Reisende im Bus
schwitzend warten, ist nicht die begehrenswerteste Aufgabe. Aber auch das ließ
sich bewältigen und so erreichten wir gegen Abend unser Ziel Gangtok. Der erste
Abend verlief ein wenig langweilig. Nachdem endlich ganz nach indischer Art
etwas chaotisch die Zimmereinteilung abgeschlossen war, wurde unser Zimmer
leider für den Rest des Abends völlig aus den Augen verloren. Über die
Möglichkeit rauszugehen und wenigstens schon mal einen kleinen Eindruck von der
lebendigen Innenstadt zu erhaschen oder
von „Mittag“ (18Uhr) und Abendessen (22Uhr) wurden wir daher gar nicht
in Kenntnis gesetzt, verbrachten den Abend indische Musikclips im Fernsehen
schauend auf unserem Zimmer und gingen früh zu Bett.
Ungewöhnlicher Weise startete das Programm des nächsten
Tages erst sehr spät. Nachdem wir gewohnheitsmäßig in Erwartung eines wie
üblich recht zeitigen Starts um halb sieben aufgestanden waren, startete das
Frühstück erst um halb zehn. Dann begab sich die ganze Gruppe vor das Haus und
wartete. Und wartete… Und wartete… Der
Informationsfluss gerade bezüglich Terminplanung ist in Indien oft relativ
stockend, daher ist es für die Schüler gar nicht mal so ungewöhnlich zwei
Stunden wartend an einem Ort zu verbringen, ohne zu wissen worauf, bzw. was
gerade schief läuft. Also warteten wir. Als um halb zwölf immer noch keine
Veränderung in sich war, gingen wir erst einmal Mittag essen. JFür mich gab’s „Alu
Paratha“, sehr empfehlenswert. Wie ein Pfannkuchen mit eingebackenen Zwiebeln
und Kartoffelstückchen. Es stellte sich dann heraus, dass die Fahrer der für eine Sightseeing-Rundtour gebuchten Taxis
relativ spontan festgestellt hatten, dass sie ob des „natürlich sehr
überraschend eingetretenen“ Durga Puja-Feiertages lieber doch eher nicht
arbeiten möchten. Wir standen also ohne Fahrer da und erst gegen halb zwei
konnten andere Taxis gefunden werden, die bereit waren die Tour zu übernehmen.
Daraufhin fuhren wir in Kleingruppen zu zahlreichen Stationen: buddhistische
Klosterschulen, Aussichtspunkte, Wasserfälle, einem ziemlich unspektakulären
Blumengarten etc. Am meisten beeindruckt hat die in einem der buddhistischen
Kloster stattfindende Gebetszeremonie. Diese startete um sieben Uhr morgens und
dauerte bis vier Uhr am Nachmittag an. Die große Gruppe von Mönchen, bei denen
von kleinen Kindern über den altehrwürdig erscheinenden Greis bis zum
euphorisch strahlenden, weiß/westlich aussehendem „Gastmönch“ alles vertreten
war, rezitierte ununterbrochen in einem an Obertongesang erinnernden Gegrummel
auf kleinen Tafeln in Sanskrit festgehaltene Gebete. Begleitet wurde das Ganze
von gleichmäßigen Trommelschlägen. Nach Beendigung einer Tafel wurde das ganze
kurzzeitig von einer Kakophonie aus Trommelschlägen und Tönen aus verschiedenen,
an Alphörner oder auch vielleicht Didgeridoos erinnernden Instrumenten
unterbrochen. Dabei wurden alle von kleinen herumflitzenden Mönchsschülern mit
großen Schalen Milchtee und fladenartigem Gebäck versorgt. Obwohl mein
Interesse an Indien nicht das einer mittelalten Esoterik-Tante auf der Suche
nach spiritueller Erfahrung ist (Ich entschuldige mich hiermit wenn ich etwas
despektierlich klingen sollte und sich jemand auf den Schlips getreten fühlt.),
war das für mich doch ein ganz besonderer Moment. Später bin ich dann noch mit
Santana Miss, einer sehr netten Lehrerin, ins abendliche, lebendige Gangtok
aufgebrochen und habe mich mit ihr auf die Suche nach (hässlicher)Wintermode
begeben. Es war schön noch ein wenig das abendliche, touristische und daher
lebendige Flair dieser Stadt zu genießen.
Die am nächsten Tag anstehende Rückreise gestaltete sich
dann als das organisatorische Highlight der Fahrt. Um 06:30 verließen wir
Gangtok mit dem Bus und fuhren zur Bahnstation „New Jalpaiguri“, die wir um 12
erreichten und dort zu Mittag aßen. Aufgrund von Komplikationen (die genaueren
Umstände weiß ich nicht) konnten für den eigentlich geplanten letzten
Shoppingtrip ins nahliegende Siliguri erneut keine Fahrer gefunden werden. Die
Alternative war daher an der Station auf den Zug zu warten, der um 18 Uhr
abfahren sollte. Als wir die sechs Stunden dann mit Hilfe zahlreicher Chips und
Schokolade endlich überbrückt hatten, wurde der Zug zuerst als 5, dann 6 und
dann auf unbestimmte Zeit verspätet angesagt. Nach weiteren Ansagen für 02:00
und 02:30 und insgesamt 15 Stunden von lautstarken, zermürbenden Durchsagen
begleiteter Warterei traf der Zug um 03:00 dann endlich ein. Die dann noch
anstehende neunstündige Zugfahrt mit verhältnismäßig bequemen Liegen und die
drei Stunden Bustour nach Nagaon kamen einem daraufhin sehr, sehr milde vor. J
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