Mittwoch, 10. September 2014

Lernen

Guten Tag 

Nachdem sich das Wlan für eine geraume Zeit verabschiedet und nun Gott sei Dank wieder zurückgemeldet hat hier nun endlich mal wieder ein kleiner Beitrag aus dem fernen Indien. :)


Hier ist es gerade 15 Uhr des ersten September 2014, die Sonne scheint und ich habe mich bei der brütenden Hitze in ein schattiges Eckchen verzogen. Obwohl die Temperatur weiterhin deutlich überhalb der 30 Grad-Grenze liegen, hat hier im Schulbetrieb gestern die „winter-season“ begonnen. Der Unterricht beginnt nun später und endet um 15 Uhr, nicht mehr um 12:45. Für uns sieht unser Unterrichtsalltag aber eh ein bisschen anders aus. Johanna und ich wurden zu Beginn unseres Freiwilligendienstes zur Unterstützung der Nursery eingeteilt. 
Miss Monali und Miss Pompa, die Klassenlehrinnen

Nursery A

Nursery C
Die Klassen mit unfassbaren Schülerzahlen von über 50 Kindern werden weiterhin von einer Lehrerin geleitet. Wir sollen dieser jedoch Aufgaben abnehmen, die Arbeiten der Schüler kontrollieren und einzelnen beim Lernen unter die Arme greifen, da bei diesen Klassengrößen ein individuelles Eingehen sonst natürlich nur schwer möglich ist. Teilweise haben Schüler noch nie ein Heft zur Ansicht nach vorne gebracht oder schreiben in etwa einen Satz in einem Zeitraum von zwei Stunden. Verständlich, denn die Schüler sind noch sehr klein. In der Nursery, welche sogar schon die zweite Klassenstufe (vor der Grundschule) darstellt, sind die Kinder zwischen vier und fünf Jahre alt. In diesem Alter, wo für mich im Kindergarten noch kleine Glitzersteine zum Suchen versteckt wurden, mehrere Stunden auf einem Stuhl zu sitzen, englische Sätze zu wiederholen und Worte von der Tafel abzumalen, hätte für mich bestimmt auch an vielen Stellen eine Überforderung dargestellt. Der Unterricht findet von Beginn an auf Englisch statt, obwohl die Kinder meist mit Assamese, Bengali oder Hindi als Muttersprache aufwachsen. Im Moment lernen die Kinder gerade das Schreiben von lateinischen Buchstaben in Druck- und Schreibschrift, der römischen Ziffern bis 100 sowie einige englische Begriffe, die zusammen mit Bildern in einem Heft abgedruckt sind. Zwischendurch sprechen sie Reime, malen in Malbücher oder sollen ihre Köpfe auf ihre Tische legen, um einen Moment zur Ruhe zu kommen. Diese Masse von Kindern aufmerksam und ruhig zu halten ist unfassbar schwierig. Der Unterricht erfolgt rein frontal und nach dem Prinzip „Wiederholung“. Der Lehrer spricht etwas vor und die Schüler sprechen nach, auch wenn der Sinn aufgrund der fremden Sprache oft gar nicht erfasst werden kann. Dieses Prinzip durchzieht das Schulsystem bis in die höheren Klassenstufen. Respekt verschafft sich der Lehrer durch einen Holzstock, der geräuschvoll auf den Tisch geknallt wird oder in anderen Situationen durch leichte, manchmal aber auch etwas heftigere Schläge mit Hand oder Stock. Die Bedingungen für gute Unterrichtsgestaltung sind hier natürlich erschwert – das muss man verstehen – allerdings ist die Methodik für mich mit deutschem Bildungshintergrund völlig fremd und erst einmal abschreckend. Wir durften heute allerdings das erste Mal so richtig leibhaftig feststellen, wie schnell man innerhalb eines solchen bereits etablierten Systems gezwungen ist, dessen Muster selbst anzunehmen. Da Monali, die Lehrerin der Nursery C, krank war und wir sie vertreten durften, waren Johanna und ich  das erste Mal allein in einer Klasse. Um der Energie der Kinder überhaupt standhalten zu können, waren wir auch ganz schnell gezwungen den ungeliebten Stock einzusetzen, im Vergleich mit dem ein bloßes Erheben der Stimme relativ unbeeindruckend wirkt, und auch mal handgreiflich zu werden (wenn auch nicht in Form von Schlägen). Für mich ist das alles sehr gewöhnungsbedürftig. 

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